Athos dreiundneunzig

Es ist der heiße Sommer des Jahres 1993. Ich bin am Höhepunkt meiner journalistischen Karriere angelangt und zugleich auch am Ende des ersten Kapitels dieser freude-, und informationsspendenden Tätigkeit. Die kommunistische “Rundschau” will mich nicht mehr - “die kommunistische Rundschau” ist etwas übertrieben - der Herausgeber will mich nicht mehr - nicht aus politischen Gründen - der Chefredakteur mochte mich nicht so recht, weil ich knapp vor einer fetten Stützung durch das Zentralkomitee das Umbringen von Menschen unter der Schirmherrschaft des Herrn Slobodan M. in Belgrad als nicht so leinwand fand und das in meiner Kolumne zur bezirksweiten Lesung veröffentlichte… Der ausgesprochen schlichte und ehrliche Sexualneid des Herausgebers ist der Grund meiner Entfernung aus dem erfolgsverwöhnten Team der Volksaufklärer.

Geil, um nur irgendwo und irgendwas von mir lesen zu können, bewerbe ich mich - auf Anraten eines Schreiberlings, der nebenbei mit den “Brennesseln” weit bekannt und gut unterwegs ist - bei der “täglich Alles”…..

Drei Stunden vor der Abreise via Budapest nach Griechenland um sommerzuurlauben habe ich noch einen Termin bei Herrn Grasl-Kosa, dem Chefredakteur der wohl buntesten Tageszeitung jener Tage. Nach einer halben Stunde zähen und standhaften Verhandelns kann ich mir einen Wahnsinnsvertrag für die nächsten vierundachtzig Wochen versprechen lassen, der etwas mehr als vier Jahresgehälter meines bürgerlichen Berufes ausmacht.

Nach der “Rundschau”, der “Frankfurter” unter den Bezirksblättern, ein weiterer Höhepunkt - allerdings ein gänzlich anders gelagerter… um mein künftiges Erscheinen in der “Alles” etwas abzuschwächen, habe ich mir zusätzlich noch einen Reisebericht über die Mönchsrepublik Athos erkämpft und zwar im “Standard” - die Zusage für die anderthalb Seiten in einer der nächsten Ausgaben der Wochenendbeilage erhalte ich von der späteren Pressesprecherin des bereits fast vergessenen Herrn Fritz Verzetnitsch. Dort ist nicht mächtig Kohle zu holen - dafür aber journalistische Ehren oder so irgendwas…. vielleicht der silberne Egon Erwin am Band …

Meine Partnerin hat als Urlaubsort Ouranoupolis ausgesucht… mein erster Familienurlaub und trotzdem praktisch… der Grenzort zur Mönchrepublik….



Geeignet für einen dreitägigen Ausflug eben dorthin … Heutzutage ist ja alles leicht zu erreichen…. Auch vor fünfzehn Jahren war das Reisen kein Kreuzzug mehr… allerdings das Bereisen von Athos ist mehr als schwierig, vor allem das Einreisen. Es waren und sind jede Menge an Papieren und Stempeln und Zeugnissen und und und notwendig…

Zu allererst ist einmal eine Bestätigung der Heimatpfarre notwenig. Eine Bestätigung, die aussagt, dass der Werber aus religiösen Gründen oder so halt auf die Klosterinsel will… oder die Bestätigung eines Kulturinstitutes, dass eben kulturelles Interesse auf Grund von Forschungsaufträgen oder universitären Gründen gegeben sind…. Nun… beides ist nicht so wirklich irgendwie und irgendwo einzuholen.

Dann ist ein Führungszeugnis der örtlichen Polizeistation notwendig - was auch ned so wirklich möglich ist, weil ich halt ein dunkles Punkterl im Register hatte - ein Justizirrtum - aber das glaubt einem doch ohnehin nie wer - und zu guter Letzt ist dann noch ein Papier vom Außen- und Kulturministerium unbedingt erforderlich….

Die Geschichte ist aber noch nicht aus…. Ist nun der künftige Pilger oder Interessierte im Besitz dieser Papierln muss er dann einen Antrag bei der Griechischen Botschaft in Wien abgeben und die sollte dann für den Antragsteller einen Termin in Saloniki beim Kultur- und beim Innenministerium ausmachen - allerdings müsste sich der Athosinteressierte vorher noch bei der Polizei am Urlaubsort und ebenso bei der örtlichen Kirche melden.

Ich drucke der Dame von der griechischen Botschaft halt so ein Gschichtl… eigentlich eh kein Gschichtl… ich sagte ihr, dass ich halt den ganzen Urlaub nicht mit Amtswegen verscheissen möchte und außerdem fischen möchte… die kleine Werft in der Nähe des Urlaubsortes aus journalistischen Gründen besuchen möchte und außerdem Urlaub machen will…

Ein Wunder geschieht! - die Dame hat es möglich gemacht… Die Parole “Standard” erübrigt fast alle Wege … nur das Innenministerium in Saloniki - wegen des Passierscheines bleibt mir nicht erspart - alles andere hat die Dame geregelt…

Wir, die noch im Urlaub zur Mutter meines Sohnes werdende Partnerin und ihre Tochter aus einer früheren Beziehung und eben ich, reisen über Budapest mit der “Malev” nach Saloniki - vier Stunden in einem alten Auto und schon waren wir am Urlaubsort… leinwand… ohne Klimaanlage, keine Hotelburgen, ein schönes Meer, ein nicht sehr billiges, aber starkes Motorboot…. einsame Inselchen… kein Ramsch… einmal zeigt sich von “hoher See” auf der Küstenstraße ein Kühlwagen von “Müllermilch” - was aber sicher ein aus flimmernder Luft entstandenes Trugbild ist.

Es herrscht höchster Hochsommer und ich muss einen Tag vor der Einreise nach Athos in Saloniki einen Wisch im Ministerium abgeben, um eben am nächsten Morgen beim Besteigen des Schiffes einen anderen Wisch ausgehändigt zu bekommen - den seltenen Passierschein für die Mönchsrepublik. Fünf Stunden Bus im Hochsommer auf Plastik und ein winziges Fensterl als Er Kondischn… aber es darf geraucht werden… Saloniki ist unglaublich laut und quirlig und kann eigentlich gar nix… obwohl skurille Stromkabelgeflechte sehr fotogen buntes und ausgebessertes Gemäuer schmücken… Auch das Nebeneinander von Schwein mit Fliegen und Straßenkaffee mit ausschließlich Herren wirkt archaisch und steppenasiatisch auf den genervten Besucher. Dann ein Ministerium wie hierzulande… hohe Räume, hohe Türen, graue Herren, nur ein bisserl heißer… und Mister Koosz ist tatsächlich erwartet worden…

Am nächsten Morgen muss ich um Vier herum am Hafen sein… Die Kneipe hatte schon offen und es gibt schwarzen Kaffee und Ouzo und nichtssagende blasse Weckerln, die niemand essen muss. Ein paar, ein bisserl abgrindt wirkende oder seiende Mönche lehnen auf den Dampfer wartend herum, der kommt irgendwann und der Mister Koosz wird aufgerufen, bekommt von einem Polizisten und Popen in Begleitung - oder umgekehrt den schwer erkämpften Passierschein und allesamt fahren wir in den frühen Morgen entlang des dritten Fingers von Chalkidiki, üppig begrünt,



der Stadtturm von Ouranoupolis ist schon lange verschwunden, ein paar Delphine geben Geleitschutz und die ersten Klöster, bunt und ganz anders als hierorts lockern die bewaldeten Hänge auf.

Unser Zielhafen ist Dafni, ein bisserl ruinös - ein Bus aus den mittleren Fünfzigern erwartet die Pilger- und Heimkehrerschar und mich - man ruft wieder nach dem Mister Koosz und trotz allem schaffts das Vehicle über endlose Serpentinen in die kleinste Hauptstadt der Welt, nach Kayras oder auch Karies. Ein Ort, der vielleicht für die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk Kulisse stehen dürfte - wenn nicht diese Kuppeln gewesen wären und vor allem die vielen Schwarzen - die in Schneidereien und Schuhmacherwerkstätten arbeiten… ein Hauptplatz eben und ein Souvenirladen… Ich kauf mir ein paar gelbstichige Ansichtskarten - der Pope spricht deutsch… er war früher irgendwo in Deutschland Chirurg und hat es sich scheinbar verbessert und verkauft mit einem verfilzten Bart im Gesicht Ansichtskarten und wunderschöne Ikonen. Es ist alles sehr seltsam auf Athos.

Ich schau mich um… Nur Schwarze und ich… auf diese Kirchen… und wieder kommt so einer, der will dass der Mister Koosz auf diesen Felsquader steigt…”a very good place..” - ich steh wie ein Trottel auf dem Quader und ich seh den Schneidermönch durch die Auslage schneidern und eben den Schustermönch - ich will es nicht beschönigen - ich seh den Schustermönch eben schustern….

Jedenfalls steh ich da wie ein Trottel und Schneidermönch und der Schustermönch und andere gehen da und dort hin und wieder zurück… und es ist heiß, es ist Sommer und es öffnet sich die Pforte der Kirche mit der mächtigen Treppe und es erscheint der Signalmönch… der die tausendjährige Latte herumträgt (das Simandron - die hölzere Glocke von Athos) - auf der seit tausend Jahren mit einem Holzschlegel eben zum Beten, zum Arbeiten oder sonst was gehämmert wird…. Wie gesagt - es ist sehr seltsam alles… und wieder öffnet sich das Tor und vier auch etwas abgerammelte Herren mit mächtigen Bärten schreiten die mächtige Treppe runter. Aber es sind wichtige Herren… sie haben nicht eines, sondern mehrere Kreuze umgehängt und plötzlich kommt vom Unterort ein Pulk Menschen auf mich zu gerannt… die vier wichtigen Bartträger stehen unter mir sozusagen - ich stehe immer noch auf dem Quader…der Fotoapparat ist in der Tasche ich trau mich nicht zu bewegen….

Der eine wichtige Bart küsst einen grauhaarigen Herrn- er ist sozusagen das Zentrum des auf mich zugestrebten Pulks - seine Heiligkeit küßt karpfenartig so , dass ich im schadhaften Gebiss der Heiligkeit die Speichelfäden sehen kann. Auch anderen Kreuzträger öffnen die alten Münder zum Kuss und gemeinsam schreitet die Gruppe in eine andere Kirche und ich folge der Prozession… Diese Chöre können schon was… das passt… jedenfalls das dauert und dauert und die singen und singen immer noch - bis die hintere Seitentür - ich steh ja auch hinten - auffliegt und es einen mageren Diener Gottes so richtig hinzieht, wie man so schön sagt - ich will ihm aufhelfen…der Diener lehnt ab, weil er eine im Boden eingelassene Tafel küsst… nun gut… die Messe ich aus und ich besuche hungrig und durstig und vor allem heimatlos das Wirtshaus von Karies. Wäre der Wirt ein Mäderl - alle Achtung - ich habe auch dieses und jenes von dieser Männerwelt gehört - nicht nur die ganz Gscheiten hat man gerne in den Vatikan und die Kaderschmiede des Ostchristentums geschickt - auch die anders gepolten, die sich ganz offiziell mit einem jungen Diener in den tiefen Glauben zurückziehen konnten, zur Erleichterung der übrigen Familie.

Der Wirt bringt mir mein Bier und eine fette kalte Paradeissuppe und ein Körberl mit Brot… Beim Ouzo fällt mir im Halbdunkel ein Mönch auf, der auch trinkt und ich winke ihm zu und mir fällt auf, der gute ich voll fett… Tatsache… und weil er so schlecht Englisch spricht wie ich, plaudern wir uns ein bisserl ab und ich erfahre, dass heute zum ersten Mal seit dem Putsch der ehemalige König Konstantin griechischen Boden betreten durfte… ich habe das Sensationsfoto somit mehr oder weniger verschissen.

Die erste Nacht verbringe ich im Hotel von Karies … mit einem Professor aus Saloniki… der jedes Jahr hier ist…um zu meditieren und so. Ich schlafe auf einem Gitterrost ohne Decke… aber es ist ohnehin Sommer - ich habe außer ein paar Drachmen nur meine Fotoausrüstung mitgenommen… und meinen Finnendolch… Am nächsten Tag marschiere ich nach Koutlouvouou irgendwie , finde eine rückenlagige Schildkröte, die ich aus ihrer aussichtslosen Lage befreie und die Nacht verbringe ich im Kloster von Iviron…



schade - ich muss am dritten Tag zurück - ich will ja auch noch Vater werden - außerdem bin ich schon seinerzeit nicht so gut zu Fuß unterwegs und die anderen Klöster sind alle sehr, sehr weit entfernt…. Besonders die interessanten.. In Karies nimmt mich eine Heiligkeit mit dem Jeep zum Kloster Xiropotmanou mit - das letzte Stück wandere ich dann wieder zum Hafen von Dafni und weil ich noch Zeit habe, kaufe ich mir eine Wurfangel und ein Stück Käse und fange jede Menge Grundler, die ich einem räudigen Kater verfüttere….

PS: zur journalistischen Karriere: der Herr Grasl-Kosa hat den mündlichen Vertrag von sich aus einen ganzen langen Herbst zusammengekürzt und nach Allerseelen gänzlich vergessen… die spätere Pressestimme von Herrn Verzetnitsch hat die frühsommerliche Zusage als “uninteressant” in unnütz beschriebenes Papier umgewandelt …


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