Gedanken zum Kreuzweg aus dem Jahr zweitausendundneun….



Die vergangenen Tage zählen (für mich)zu den berührendsten der letzten Jahre…vielleicht überhaupt. Obwohl diese „berührenden Tage“ nicht unbedingt mit dem Berührtssein in den Zusammenhang zu bringen ist, der die Suche nach Schneuztüchern oder das ungenierte Aufziehen und Rotzen zur Folge hat.

Da war einmal dieser Festakt zum Abschluss der Aufarbeitungsbemühungen der Judenermordung und der Judenmordverschleierung und der Judenmordbeschönigung und danach fand die Vernissage meiner Ausstellung „Kreuzweg“statt.  Ein von den Stationen her kirchenkonformer Kreuzweg mit den üblichen vierzehn Stationen – nur mein Christus ist nicht der geschniegelte Übliche, sondern ein jugoslawischer oder türkischer Gastarbeiter aus den späten Sechzigern.


Ein Zufall.  Den Termin der Vernissage  und die Ausstellung habe ich vor knapp einem halben Jahr mit dem Probstdorfer Pfarrer Helmut Schüller und dem Brucker Buchhändler Riegler ausgemacht – nach Schüllers Verfügbarkeit. Das Judenmordgedenken haben andere ziemlich sicher auch irgendwann einmal ausgemacht.

Ein Zufall? Das von nur zehn Tagen getrennte Ereignis? Judengrabanlageneröffnung und Vernissage. Ein Zufall? Ein Zufall. Kein Zufall? Kein Zufall.

Kein Zufall. Und trotzdem…die Hauptakteure sowohl bei der Vernissage, wie auch bei der Judengrabanlage, bei den Akteuren und Statisten der Geschichte vor zweitausend, wie auch vor siebzig Jahren  sind die mit den leeren Augen. Da sind einmal die von mir auf Leinwand mit Öl festgehaltenen roten Augenhöhlen von Kleinbürgern und Dorftrotteln und Generalstäblern und Feiglingen ….und dann die anderen leeren Augenhöhlen, nicht nur der Täter… sondern auch derer, die davon wussten und schwiegen, ganz einfache Witzchenerzähler, die leeren Augenhöhlen derer, die täglich vielleicht zum Gebet gingen und an den Stallungen mit den gefangenen Juden vorbei mussten, die zum Einkauf gingen und mit vollen Taschen an den Hungernden vorbeischlichen – verzeihliche Feigheiten…der Widerstand war unauffällig- es waren nicht sehr viele.

Und es kam die Zeit danach. Und das ist das berührende.

Die große Zeit der Lügner. Alte Illegale entnazifiziert und auf Erstklassler losgelassen. Alte Illegale schreiben Heimatbücher. Die alten Drecksäcke,  die schuldbeladen ungeniert hinter roten Fahnen und goldenen Monstranzen bei Aufmärschen krochen und vielleicht immer noch kriechen…und die Stunde Null im Einmarsch der Roten Armee sehen – und all zu gerne auf den Grund des Einmarsches vergessen….

Die Drecksäcke von damals weilten lange unter uns – vielleicht immer noch. Die Drecksäcke, die uns, die Nachkriegsgeneration jahrzehntelang angelogen haben, indem sie alles und gerade das verschwiegen haben und geachtet werden wollen und geehrt werden wollen, weil sie in der „schweren“ Zeit….dieses und jenes…und weil sie das  aufgebaut haben, dessen Untergang sie vorher herge- und bejubelt haben….oder einfach Totenscheine von ungarischen Schanzjuden verschwiegen haben….

Ein unglaubliches Städtchen…dieses Bruck…sicher, es gab ein Lager Mauthausen und ein Lager Dachau…mit den Orten gleichen Namens…man schüttelt heute den Kopf, weil die Mauthausener und die Dachauer vom fünf Kilometer entfernten Lager nichts wussten-wissen wollten-wissen wollen….man – ich, zumBeispiel schüttelte verwundert den Kopf – bis ich eben von den Ausmaßen des Lagers in Bruck hörte….

Und nun lässt die posthume Trauergemeinde in den Stein schlagen, dass hier eben Juden „ruhen“ und verkündet zusätzlich, dass die ungarischen Juden hier „starben“…der Beginn der Aufarbeitung…


…erschlagene, verhungerte, erfrorene, zertretene können aber nicht ruhen….





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